AUF WOLKE SIEBEN – UND TROTZDEM FEHLT DIE FREUDE: DIE SCHATTENSEITEN DES LANGZEITREISENS
Was passiert, wenn man ein Leben führt, um das einen alle beneiden – aber das Nervensystem unbemerkt in den Überlebensmodus wechselt? Dies ist die Geschichte darüber, wie ständige Abenteuer meinen Körper an seine Grenzen gebracht haben und welche einfachen Methoden mir geholfen haben, wieder zu Präsenz und Freude zurückzufinden.
11. März 2026 · 15 Min. Lesezeit
Ich habe meine Koffer nicht nur für Abenteuer gepackt. Ich habe sie gepackt, weil ich mich gerufen fühlte, Menschen zu treffen, die nach ihrer eigenen Berufung suchen – Menschen, die mehr wollen als den Alltagstrott. Was ursprünglich als Arbeitsreise gedacht war, wurde nach und nach zu etwas viel Grösserem – zu einer Reise, die mich in neue Umgebungen, neue Erfahrungen und letztlich zu tief persönlichem Wachstum führte. Ich trat ganz in meine eigene Kraft, teilte meine Arbeit und habe meine Grenzen auf eine Weise getestet, die ich mir nicht hätte vorstellen können.
Doch ständige Veränderung bedeutet Reizüberflutung. Ständige Reizüberflutung bedeutet Stress. Und Stress, selbst wenn er mit Sinn, Bedeutung und Schönheit verbunden ist, greift irgendwann das Nervensystem an. Ich war präsent. Kreierte. Ging voran. Und doch hörte ich irgendwann auf, die Reise wirklich zu geniessen.
Ich lebte etwas Sinnvolles – und verlor still und leise die Fähigkeit, es wirklich zu spüren.
Das Geständnis
Ich lebte den Traum eines jeden. Was für ein Leben. Neue Orte. Neue Kontakte. Jede Woche neue Abenteuer. Manchmal sogar jeden Tag. Oft höre ich Leute sagen, dass sie durch mich stellvertretend leben … Aber was wie ein Kompliment klingt, fühlt sich wie eine Verpflichtung an: grossartige Geschichten, atemberaubende Bilder, unglaubliche Abenteuer. Aber ich bin nicht der National Geographic Channel.
All diese Reisen machten mich unstet – und oft sehr einsam.
Unzählige Stunden vor dem Laptop, recherchierte Sehenswürdigkeiten, plante Routen, überprüfte Flüge und Unterkünfte. Es ist nicht so glamourös, wie es klingt. Immer schwebt dieser Gedanke im Hinterkopf: „Habe ich etwas vergessen? Verpasse ich ein Muss unter den Reisezielen? Oder gibt es eine günstigere Möglichkeit, das zu buchen?“ Ich bin dankbar, wirklich. Aber es war anstrengend.
Plötzlich wirkten alltägliche kleine Unannehmlichkeiten zu gross, um sie zu bewältigen. Mein Verstand begann, alles zu hinterfragen. Ich verlor die Fähigkeit, auf meine Intuition zu vertrauen. Nie zuvor hatte ich meine Entscheidungen so oft infrage gestellt.
Ich war in Bewegung. Ich war erfolgreich. Doch mein Nervensystem hat das nicht mitbekommen. Ich lebte – und doch war ich nicht wirklich präsent. Ich habe nur funktioniert. Ich erkannte: Der Traum war nicht kaputt. Ich war es.
Ich wollte meine Stimme mit der Welt teilen. Stattdessen steckte ich fest – in Logistik und Planung.
Der langsame Wandel: Wie es dazu kam
Was als Mission begann, meine Stimme zu teilen, entwickelte sich allmählich zu einem Test der Ausdauer. Jeder Tag brachte etwas Neues: eine Stadt zu erkunden, eine Verbindung zu knüpfen, eine Geschichte zu erzählen. Ich wuchs, lernte, entwickelte mich – und doch fühlte sich mein Körper zunehmend angespannt an, mein Geist unruhiger. Der Sinn allein reichte nicht aus, um den ständigen Reiz abzufedern. Selbst bedeutungsvolle Arbeit kann das Nervensystem belasten, wenn es keine Pausen, keinen Halt und keinen Rhythmus gibt, der die Veränderungen ausgleicht.
Es geschah nicht in einem einzigen Moment. Es waren die kleinen Dinge – der verspätete Flug, der einen ohnehin schon langen Tag noch verlängerte, die Airbnb-Unterkunft, in der ich mich nicht wohlfühlte, die endlosen E-Mails, um das nächste Abenteuer zu buchen. Jede Unannehmlichkeit für sich genommen war geringfügig. Aber Tag für Tag, Woche für Woche summierten sie sich und wurden zu einer schweren Last. Ich begann, jede Entscheidung zu hinterfragen. Hatte ich etwas übersehen? Hatte ich gut genug geplant? Hätte ich es anders machen können?
Auch körperliche Anzeichen machten sich bemerkbar. Ich spürte Verspannungen in meinen Schultern. Ich verlor meinen Appetit. Ich fühlte mich auch nach einer langen Nacht nicht ausgeruht. Und dennoch machte ich weiter. Ich plante weiter. Ich erreichte weiter meine Ziele. Ich funktionierte weiter. Aber die Freude war still und leise aus meinem Leben verschwunden.
Ich begann zu begreifen, dass ich eine Art instinktives Vertrauen in mich selbst verloren hatte. Meine Entscheidungen – einst spontan und selbstbewusst – fühlten sich nun unsicher an. Selbst Entscheidungen, die mir zuvor ganz natürlich erschienen waren, wurden nun immer wieder in Frage gestellt. Es war, als wäre mein Nervensystem in höchste Alarmbereitschaft versetzt worden und suchte an jedem neuen Ort, bei jedem neuen Plan, bei jeder neuen Interaktion nach Gefahren.
Das Traumleben, das ich mir vorgestellt hatte, war nicht zerstört, aber die Fähigkeit meines Körpers, es wirklich zu erleben, war es.
Zu hören, wie Menschen sagten: „Du schaffst das, du bist stark. Du kannst alles bewältigen.“, half mir nicht. Ganz im Gegenteil – ich fühlte mich allein. Wieder einmal musste ich für mich selbst kämpfen. Was früher wie Ermutigung klang, begann sich wie eine Möglichkeit anzufühlen, mein inneres Ringen und die Verletzlichkeit, die ich in mir trug, nicht sehen zu müssen.
Ich verstand: Egal, wie zielgerichtet die Reise auch war, die ständigen Veränderungen, kleinen Stressfaktoren und Reizüberflutung hatten mein Nervensystem still und heimlich angegriffen. Ich lebte, erreichte Ziele und kam voran – aber ich war nicht mehr voll und ganz in den Momenten präsent, für die ich so hart gearbeitet hatte.
Mir wurde klar, dass es nicht nur eine Frage der Einstellung war. Mein Körper wollte mir etwas mitteilen – und alles hing mit dem Nervensystem zusammen.
Das Nervensystem: Die innere Kommandozentrale
Unser Nervensystem – ein unglaublich komplexes System – scannt ständig nach Sicherheit, Stabilität und Vorhersehbarkeit. Man kann es sich wie ein inneres Kontrollzentrum vorstellen. Wenn es eine Bedrohung wahrnimmt – selbst kleine wie einen verpassten Flug, eine schlechte WLAN-Verbindung oder eine verspätete Antwort –, reagiert es darauf. Manchmal mit Kampf oder Flucht. Manchmal mit Erstarrung oder Abschaltung. Und wenn sich der Stress ohne Pause weiter aufbaut, kann das System in einem Überlastungszustand stecken bleiben.
Das erklärt, warum ich mich weiterbewegen, arbeiten und etwas erreichen konnte – mich aber dennoch erschöpft, angespannt und freudlos fühlte. Mein Nervensystem war durch ständige Reize überlastet.
Selbst Momente der Schönheit oder Sinnhaftigkeit konnten nicht vollständig registriert werden, weil mein Körper und mein Gehirn damit beschäftigt waren, nach der nächsten „Mikrobedrohung” zu suchen.
Die von Stephen Porges entwickelte Polyvagaltheorie beschreibt dies sehr schön: Wir sind darauf programmiert, auf Signale von Sicherheit oder Gefahr zu reagieren. Wenn Sicherheit knapp oder unvorhersehbar ist – selbst in scheinbar „perfekten” Situationen – reagiert der Körper. Deshalb kann Überstimulation sich wie eine unsichtbare Last anfühlen: Der Verstand sagt vielleicht „Mir geht es gut”, während das Nervensystem immer noch in höchster Alarmbereitschaft ist.
Die gute Nachricht ist, dass das Nervensystem nicht unveränderlich ist. Es kann reguliert, neu kalibriert und trainiert werden, um wieder ins Gleichgewicht zu kommen – selbst inmitten von Reisen, Veränderungen oder Unsicherheiten. Der Schlüssel liegt darin, zu lernen, auf Stress zu reagieren, anstatt ihn einfach zu ignorieren.
Hier kommen Praktiken wie Atemübungen, erdende Bewegungen und bewusste Routinen ins Spiel. Sie signalisieren dem Nervensystem: Es ist sicher. Du kannst dich entspannen. Du kannst diesen Moment geniessen.
Im nächsten Abschnitt werde ich dir genau die Hilfsmittel vorstellen, mit denen ich meinen Körper stabilisiert, meinen Geist beruhigt und mich wieder mit der Freude verbunden habe, die mir während der Reise unbemerkt entglitten war.
Was tatsächlich geholfen hat: Regulieren statt drängen
Als mir klar wurde, dass mein Nervensystem ständig auf Hochtouren lief, wusste ich, dass ich aufhören musste, mich anzutreiben, und anfangen musste, mich zu regulieren. Es ging nicht um Produktivität, Leistung oder gar um die richtige Einstellung. Es ging darum, meinen Körper wieder ins Gleichgewicht zu bringen – ihm Sicherheit, Stabilität und Präsenz zu vermitteln. Mit der Zeit machten ein paar konsequente Übungen den entscheidenden Unterschied.
1. Die Atmung verlangsamen
Die Atemarbeit war das erste Werkzeug, das mir wirklich Halt gegeben hat. Es ist einfach, aber unglaublich wirkungsvoll.
Verlängerte Ausatmung:
- 4 Sekunden lang einatmen, halte den Atem am Ende der Einatmung
- 6–8 Sekunden lang ausatmen
- 5 Minuten lang wiederholen, idealerweise zweimal täglich
Die längere Ausatmung aktiviert das parasympathische Nervensystem – den „Ruhe- und Verdauungsmodus”. Selbst an hektischen Reisetagen gab mir 5 Minuten bewusstes Atmen die Möglichkeit, meinen Körper und Geist zurückzusetzen.
2. Yoga für das Nervensystem
Das ist kein Power-Yoga. Es ist langsam, erdend und regenerierend – genau das, wonach mein überreizter Körper verlangte.
- Kind-Haltung: Löst Verspannungen in Schultern und Rücken
- Rückenlage mit Drehung: Beruhigt das Nervensystem und löst Verspannungen in der Wirbelsäule
- Beine hoch an die Wand: Fördert die Durchblutung und signalisiert Entspannung
- Sanfte Hüftöffner: Die Hüften speichern Stress; ihre Entspannung wirkt sich auf den gesamten Körper aus
Jeden Morgen war dies mein „Erdungsritual”. Es signalisierte meinem Körper: Ich bin sicher.
3. Künstliche Stabilität schaffen
Reisen sind unvorhersehbar, also habe ich bewusst für Vorhersehbarkeit gesorgt. Mein Nervensystem hat gelernt, sich zu entspannen, weil ich verlässliche Anker eingeführt habe:
- Jeden Tag das gleiche Morgenritual (Yoga und Atemübungen, eine Tasse Tee)
- Auspacken und Einrichten meines Raums nach der Ankunft
- Tägliche Routinen für Essen, Ruhe, persönliche Zeit und Schlaf
Routine = Sicherheitszeichen. Sie schränkt das Abenteuer nicht ein, sondern gibt dem Nervensystem die Erlaubnis, es zu geniessen.
4. Weniger Inputs
Ein Teil der Regulierung besteht darin, übermässige Reize zu vermeiden.
- Weniger Bildschirmzeit – insbesondere in sozialen Medien
- Ein kompletter „logistikfreier” Tag pro Woche
- Nein zu Aktivitäten sagen, die eher anstrengend als inspirierend sind
Abenteuer sind anregend. Erholung muss bewusst erfolgen.
Diese Praktiken reduzierten nicht nur Stress, sondern stellten auch meine Lebensfreude wieder her. Langsam konnte ich aufhören, auf Autopilot zu funktionieren, und begann wieder zu fühlen. Meine Kreativität kehrte zurück. Meine Intuition kam wieder zum Vorschein. Und die Freiheit, die ich von Anfang an gesucht hatte, begann sich real anzufühlen – nicht nur imaginär.
Die grössere Lektion: Den Traum neu definieren
Rückblickend ging es in dieser Lektion nicht um Reisen, Abenteuer oder gar das Erreichen meiner Ziele. Es ging darum, mein Nervensystem zu respektieren – meine innere Kommandozentrale, die still und leise entscheidet, ob ich das Leben wirklich erleben kann. Ich erkannte, dass Funktionieren und Erreichen nicht dasselbe sind wie lebendig, präsent und mit Freude verbunden zu sein.
Die Reise hat mich gelehrt, dass ein Ziel allein nicht ausreicht. Selbst die sinnvollste Arbeit kann anstrengend werden, wenn sich der Körper nicht sicher fühlt. Ständige Bewegung, kontinuierliche Stimulation und endlose Neuheiten – all die Dinge, die das Reisen spannend machen – können das Nervensystem still und leise angreifen, wenn es keine bewusste Regulierung gibt.
Jetzt hat sich mein Massstab für Freiheit verschoben. Es geht nicht mehr um die Anzahl der besuchten Länder, die perfekte Geschichte oder die „Traumleben“-Fotos, die jeder so gerne sieht. Ich habe etwas Einfaches, aber Wirkungsvolles erkannt: Freiheit ist, wenn das Nervensystems in Sicherheit ist. Es ist die Fähigkeit, sich voll und ganz in der Welt zu zeigen. Es sind Routinen, Rhythmen und Praktiken, die Freude auf natürliche Weise fliessen lassen – selbst inmitten von Veränderungen.
Ich frage mich nicht mehr: „Wohin soll ich als Nächstes gehen?“ Ich frage mich: „Wird mein Nervensystem mich begleiten?“
Diese einfache Frage verändert alles. Sie lädt zum Innehalten ein. Sie fördert die Erdung. Sie verwandelt Erfahrungen von rein funktionalen zu zutiefst lebendigen.
Wenn es eine Sache gibt, die du mitnehmen solltest, dann diese: Dein Körper ist dein Zuhause, dein Kompass, deine innere Stimme. Pass auf ihn auf, respektiere ihn und bring ihn ins Gleichgewicht. Denn egal wie gross das Abenteuer ist oder wie sinnvoll der Zweck – den Traum leben kannst du nur, wenn dein Nervensystem mitkommt.
Notizen:
Blog Beitrag „Die Reise“
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